Protein und Niere

Einer proteinreichen Ernährung, also einer Zufuhr von Proteinen in deutlich höheren Mengen als die derzeit empfohlenen Werte, werden positive gesundheitliche Einflüsse zugeschrieben. So wird bei eiweißreichen Diäten eine Gewichtsabnahme bei gleichzeitigem Erhalt der muskulären Masse gefördert, was sich positiv auf die mit Übergewicht assoziierten Risiken wie Diabetes und Bluthochdruck, die als Hauptrisikofaktoren für die Entwicklung einer chronischen Niereninsuffizienz gelten, auswirkt [Phillips et al 2016]. Im Alter kann eine proteinreiche Ernährung den Verlust an Muskelmasse und -stärke vermindern [Phillips et al 2016].

Welchen Einfluss hat Protein auf die Nierenfunktion?

Eine proteinreiche Mahlzeit oder die Zufuhr von Aminosäuren erhöht den renalen (die Niere betreffenden) Blutfluss und die glomeruläre Filtrationsrate der Niere. Diese zeigt sich etwa 1 – 2 Stunden nach der Mahlzeit und erreicht ihren Höhepunkt ca. 30 Minuten später [Sharma et al 2014] . Dieser Zustand wird als Hyperfiltration bezeichnet und stellt die renale funktionelle Reserve dar. Ein Verlust dieser Reserve ist charakteristisch für eine chronische Nierenkrankheit [Helal et al 2012]. Hyperfiltration tritt auch physiologisch während einer Schwangerschaft auf, aber auch bei Übergewicht, Diabetes, Nierenerkrankungen und anderen pathologischen Zuständen. Dabei liegen unterschiedliche Mechanismen zugrunde [Helal et al 2012].

Kann eine dauerhaft proteinreiche Diät die Niere schädigen?

Die These, dass Hyperfiltration ein möglicher Mechanismus für die Entstehung einer chronischen Nierenkrankheit darstellt, führte in den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu der Annahme, dass eine langdauernde, proteinreiche Diät zur Entstehung einer Niereninsuffizienz auch bei Gesunden beitragen könnte. Für diese Annahme gibt es keinen wissenschaftlich belegten Beweis und man geht heute eher davon aus, dass die Reaktion der Niere auf eine proteinreiche Mahlzeit ein physiologisch normaler, adaptiver Prozess ist, ähnlich dem, der während einer Schwangerschaft auftritt und einer gesunden Niere keinen Schaden zufügt [Martin et al 2005].

Eine umfassende Übersicht bezüglich der Sicherheit einer langdauernden (Jahre bis Jahrzehnte), proteinreichen Ernährung auf die Nierenfunktion gibt Kamper und Strandgaard in ihrem Review von 2017 [Kamper et al 2017]. Sie kommen zwar zu dem Ergebnis, dass eine abschließende Bewertung aufgrund derzeit verfügbarer Erkenntnisse nicht möglich ist, weisen aber auch darauf hin, dass noch weitere Faktoren in der Ernährung, wie z.B. die Proteinquelle, gleichzeitige Zufuhr von Obst, Gemüse, Salz, Phosphat, industriell verarbeitete Lebensmittel usw. eine wichtige Rolle spielen könnten. Rein vorsorglich empfehlen die Autoren die Proteinzufuhr auf lange Sicht auf 1,5 g/kg Normalgewicht zu begrenzen.

Wieviel Protein kann bei bestehender Niereninsuffizienz zugeführt werden?

Es besteht Consensus, dass eine Begrenzung der Proteinzufuhr sich günstig auf den Verlauf einer Nierenerkrankung auswirkt. Allerdings sollte eine Unterversorgung mit Proteinen ebenfalls vermieden werden, da leicht Mangelerscheinungen auftreten können. In der PREVEND-Studie wurde der Einfluss des Proteingehalts der Nahrung auf die Mortalität und Nierenfunktion bei Patienten mit bestehender Niereninsuffizienz ermittelt. Es konnte kein Einfluss des Proteingehalts auf die Verschlechterung der Nierenfunktion gefunden werden, allerdings stieg das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse sowohl in der Gruppe mit dem höchsten als auch mit dem niedrigsten Gehalt an Protein an. Die allgemeine Sterblichkeit war jedoch in der Gruppe mit den niedrigsten Proteinwerten am höchsten [Kamper et al 2017]. Die KDIGO (Kidney Disease Global Outcome) empfiehlt in Ihrer Leitlinie die Reduktion der Proteinzufuhr auf 0,8 g/kg KG bei Erwachsenen mit oder ohne Diabetes bei einer glomerulären Filtrationsrate unter 30 ml/min/1,73 m2 , d.h. stark eingeschränkter Nierenfunktion, und einer Begrenzung der Proteinzufuhr auf maximal 1,3 g/kg bei Erwachsenen mit chronischer Niereninsuffizienz und Risiko einer Verschlechterung der Nierenfunktion [KDIGO 2012].

Anschauungsmaterial

Niere mit Nierenbecken (Pelvis renalis) und Nebenniere (Glandula adrenalis)

Nieren des Menschen; Anatomie Niere (Ren) als Frontalschnitt und ganz mit Nierenbecken (Pelvis renalis) sowie Nebenniere (Glandula adrenalis). Die Niere (Ren) ist ein paariges bohnenförmiges Organ und gehört zu den Organen des Harnsystems. Nieren sind für die Ausscheidung von Endprodukten des Stoffwechsels aus dem Körper, den sogenannten harnpflichtigen Substanzen und Giftstoffen, durch Bildung von Harn zuständig. Sie sind an den Regulationen von Wasserhaushalt und Elektrolythaushalt beteiligt. Die Nebenniere (Glandula adrenali, Glandula suprarenalis) ist eine paarige endokrine Hormondrüse, eine Kombination zweier endokriner Drüsen. Die Nebennierenrinde synthetisiert Steroidhormone (Mineralokortikoide, Glukokortikoide und Geschlechtshormone), das Nebennierenmark setzt Neurohormone Noradrenalin und Adrenalin frei.

Bildquelle: Frank Geisler (MediDesign)

Letzte Aktualisierung: März 2018